Hinhören! LRS und Hörschwäche?

Kinder, die Probleme mit der Rechtschreibung oder dem Schreibenlernen haben, haben manchmal auch eine unerkannte Beeinträchtigung des Hörvermögens. Auditive Wahrnehmungsstörungen stehen im Zusammenhang mit LRS, werden häufig jedoch nicht erkannt. So bleibt Kindern häufig eine gezielte Förderung verwehrt.

Hören: Wichtig für Entwicklung und Spracherwerb

Eine Beeinträchtigung des Hörvermögens kann verschiedenste Ursachen haben. Neben angeborenen Hörstörungen ist auch eine später auftretende Schwächung des Hörvermögens durch Erkrankungen oder Entzündungen möglich. Das Hören ist unerlässlich für den Erwerb der gesprochenen Sprache. Hört ein Kind nicht gut, beeinträchtigt dies entscheidend seine Entwicklung. Kinder sind wahre Anpassungskünstler. Oftmals kompensieren sie durch alle möglichen Strategien den schwächeren Hörsinn. Die Folgen können weitreichend sein: Wird eine Schwerhörigkeit erst im zweiten oder dritten Lebensjahr entdeckt, sind verpasste Entwicklungsprozesse im Gehirn schwer aufzuholen. Eine möglichst frühe Diagnose ist daher entscheidend für eine gesunde körperliche und soziale Entwicklung eines Kindes.

Anzeichen für Hörstörungen oder Schwerhörigkeit

Neben regelmäßigen Untersuchungen beim Kinderarzt, etwa im Rahmen der U-Untersuchungen, können Eltern auch selbst durch achtsame Beobachtungen auf ein beeinträchtigtes Hörvermögen aufmerksam werden. Auffällig ist etwa immer, wenn ein Kind gar nicht auf Geräusche reagiert. Ein Rufen oder Ansprechen beispielsweise nimmt ein Kind in der Regel wahr und reagiert entsprechend, indem es den Kopf wendet oder mimisch auf die Ansprache antwortet. Bleibt bei besonders lauten Geräuschen, etwa einem Knall, plötzlichem Hundegebell oder dem Läuten an der Tür eine Schreckreaktion aus, könnte dies ein Hinweis auf eine Schwerhörigkeit sein.

Auch bei den eigenen Lautäußerungen lassen sich bei Hörstörungen Besonderheiten beobachten. Auf eine Schwerhörigkeit deutet etwa hin, wenn ein Kind nur sehr selten und gleichförmig brabbelt, und schließlich etwa mit einem halben Jahr vor allem schreit. Mit bis zu einem Jahr kann ein Kleinkind gewöhnlich einfache Mitteilungen verstehen und befolgen. Tut es dies nicht und ist es in seiner Sprachentwicklung stark verzögert, sollte man es einem Kinderarzt und gegebenenfalls einem HNO-Arzt vorstellen.

Testen Sie das Hörvermögen!

Mit einigen einfachen Tests können Sie auch selbst aktiv werden. Sie ersetzen keinen Besuch beim Kinderarzt, können aber eine erste Orientierung bieten.
Bis zum dritten Monat reagieren Säuglinge bereits auf laute Geräusche, lassen sich von einer sanften Stimme beruhigen und geben Lautäußerungen wie Gurgeln von sich. Wenn Sie einen Ballon platzen oder den Schlüsselbund fallen lassen: Zuckt das Baby zusammen oder blinzelt es?

Im Alter von 3 bis 6 Monaten reagieren Babys auf die Stimme der Eltern, wenden das Köpfchen in Richtung einer Geräuschquelle und haben zunehmendes Interesse an hörbarem Spielzeug wie Schellen, Glöckchen oder Rasseln. Wenn Sie hinter dem Kind eine Rassel schütteln, sollte es entsprechende Suchbewegungen mit den Augen machen.

Mit Vollendung des ersten Lebensjahres reagieren Kinder auch auf entfernte Geräusche, experimentieren mit der eigenen Stimme und verstehen einfache Wörter. Wenn Sie Ihr Kind rufen, sollte es sich Ihnen zuwenden – sofern es nicht gerade in ein hochinteressantes Spiel vertieft ist.

Ab dem 15. Monat können Kinder bereits einfache Wörter sprechen oder nachsprechen. Jetzt können Sie auch einfache Fragen an Ihr Kind richten. Wenn Sie es aus einem anderen Zimmer oder größerer Entfernung rufen, sollte es reagieren. Wenn Musik gespielt wird, wippen die Kinder in diesem Alter gewöhnlich mit oder machen erste Tanzbewegungen. Außerdem können sie einfache Wörter bereits sprechen oder nachsprechen.

Bei Schulkindern machen sich auditive Wahrnehmungsstörungen häufig dadurch bemerkbar, dass sie in ihrer Merkfähigkeit eingeschränkt sind. Können sich Kinder beispielsweise von einer Einkaufsliste oder einem Arbeitsauftrag immer nur einen Teil merken, oder „vergessen“ sie bei einem Diktat Sätze, so kann dies auf eine auditive Wahrnehmungsstörung hindeuten.

Je früher, desto besser!

Wenn ein Kind auf Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten getestet wird, sollten immer mögliche Hörstörungen ausgeschlossen bzw. berücksichtigt werden. Je früher diese erkannt werden, desto günstiger für das Kind und seine Entwicklung. Denn diese Kinder benötigen neben der individuellen Unterstützung beim Lesen und Schreiben häufig ein gezieltes Hörtraining und auch die Berücksichtigung ihrer Situation in der Schule z.B. durch einen Platz weit vorne im Klassenzimmer, damit Umgebungsgeräusche besser ausgeblendet werden können.

Wie man mögliche Sehstörungen erkennt, lesen Sie hier.

Bildquelle: © Pavel Losevsky / Fotolia

 

Tags: , , , , ,

3 Responses zu “Hinhören! LRS und Hörschwäche?”

  1. Alex 3. November 2017 um 14:25 #

    Hallo Tim-Thilo,

    ich hätte noch eine kleine linguistische Anmerkung zur Aussage: „Das Hören ist unerlässlich für den Erwerb der Sprache.“
    Das stimmt so nicht, schließlich gibt es Gebärdensprachen. Das sind vollwertige Sprachen, die gesprochenen Sprachen in nichts nachstehen. Korrekt wäre: Das Hören ist unerlässlich für den Erwerb gesprochener Sprachen.

    Beste Grüße,
    Alex

    • IB 3. November 2017 um 14:35 #

      Lieber Alex, vielen Dank für den Hinweis. Vollkommen richtig – ich habe es eben entsprechend ergänzt. Viele Grüße und Danke für das aufmerksame Lesen!

      • Alex 4. November 2017 um 12:43 #

        Lieber Tim-Thilo,

        toll, vielen Dank für das offene Ohr gegenüber Anmerkungen!

        Beste Grüße,
        Alex

Schreibe einen Kommentar

Bitte lösen Sie die Rechenaufgabe, damit wir wissen, daß Sie ein Mensch und keine Maschine sind. *

Qualifikation und Fortbildung von Lehrkräften zu Alphabetisierung und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS, Legasthenie)