PISA 2015: kritische Einordnung der Ergebnisse zur Lesekompetenz

Auch wenn 2015 die Naturwissenschaften im Fokus der Untersuchung standen, wurden parallel Daten zur Entwicklung der Lesekompetenz der Fünfzehnjährigen erhoben. Die verbesserten Ergebnisse der deutschen Schülerinnen und Schüler im Rahmen des zweiten Durchlaufes der PISA-Studie werden oftmals auf die Anstrengungen der deutschen Bildungspolitik seit 2001 zurückgeführt. Doch was sagen die Ergebnisse der Studie aus? Welche Tendenzen lassen sich im Hinblick auf die Lesekompetenz erkennen? Welche Konsequenzen können sich daraus ergeben?

Ergebnisse zur Lesekompetenz

Zunächst soll geklärt werden, wie die Macher der PISA-Studie den Begriff  „Lesekompetenz“ definieren, um in einem nächsten Schritt die Ergebnisse einordnen zu können.

Die Konzeptualisierung von PISA unterliegt dem Begriff der Literacy, welcher nicht nur die Lesefertigkeiten an sich meint, sondern darüber hinaus einen gewissen Grad an Grundbildung umfasst, der nötig ist, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Lesekompetenz wird mit den folgenden Fähigkeiten in Verbindung gebracht: Informationen aus einem Text entnehmen, Reflexion über den Text und Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Textes (Reiss et al. 2016, S. 249-250).

Positive Entwicklung der Lesekompetenz in Deutschland

Wichtige Eckdaten zu PISA 2015

Reiss, Kristina et al., PISA 2015 – Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation, Münster 2016, S. 278.

„Mit der PISA-Studie 2015 bestätigt sich das positive Bild der Ergebnisse zur Lesekompetenz aus der PISA-Erhebung im Jahr 2012, bei welcher die durchschnittliche Lesekompetenz der Fünfzehnjährigen in Deutschland erstmals über dem Durchschnitt der OECD-Staaten lag“, so das Fazit der Herausgeber von PISA (Reiss et al. 2016, S. 279).

Deutschland befindet sich seit 2015 im oberen Drittel auf Platz neun der Rangreihenfolge mit einem Mittelwert von 509 Punkten (bei einem Mittelwert aller OECD-Staaten von 493 Punkten). Bei den Erhebungen 2003, 2006 und 2009 landete Deutschland unter dem allgemeinen Mittelwert. (Reiss et al. 2016, S. 263)

Große Unterschiede zwischen Gymnasien und nicht gymnasialen Schulformen

Außer der pauschalen Angabe, dass die Lesekompetenz in Deutschland gestiegen zu sein scheint, lassen sich in der PISA-Studie zudem andere Tendenzen erkennen. Neben dem Mittelwert wurde die Streuung ermittelt, d.h. wie groß der Unterschied zwischen leistungsschwächeren und leistungsstärkeren Leserinnen und Lesern ausfällt. Der Durchschnitt der Streuung aller OECD-Staaten liegt bei 96 Punkten. Deutschland erzielte eine Standardabweichung von 100 Punkten. Hier sind die Unterschiede zwischen leseschwachen und lesestarken Schülerinnen und Schüler also größer als die durchschnittliche Standardabweichung. (Reiss et al. 2016, S. 265)
Zwar ist durchschnittlich der Anteil derjenigen Schülerinnen und Schüler, die sich auf den untersten Kompetenzstufen befinden, in Deutschland geringer als im allgemeinen Durchschnitt. Dennoch lassen sich zwischen den verschiedenen Schulformen in Deutschland und sogar innerhalb der einzelnen Schularten große Differenzen feststellen. (Reiss et al. 2016, S. 266 und 271)

Wegen der Bandbreite an unterschiedlichen Schulformen wurde im Rahmen der Studie nur zwischen gymnasialen und nicht gymnasialen Schulformen unterschieden. An den Gymnasien wurde ein Mittelwert von 583 Punkten und an nicht gymnasialen Schulformen 478 Punkte erreicht. (Reiss et al. 2016, S. 270-271)

Gruppe der leseschwachen Schülerinnen und Schüler nicht verkleinert

Die Kluft zwischen gymnasialen und nicht gymnasialen Schularten erscheint umso gravierender, wenn man sich den Anteil der leseschwachen Schülerinnen und Schüler jeweils ansieht. Nur 1% der Schülerinnen und Schüler, die ein Gymnasium besuchen, befinden sich auf den untersten Kompetenzstufen und gelten dadurch laut PISA als leseschwach. An den nicht gymnasialen Schulzweigen sind es 21%. Wichtig ist hierbei im Auge zu behalten, dass die Gruppe der besonders leistungsstarken Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu 2009 größer geworden ist (um 8%), aber der Anteil der leseschwachen Schülerinnen und Schüler gleich geblieben ist. (Reiss et al. 2016, S. 272)

Auch 2015 schneiden die Mädchen durchschnittlich besser beim Lesen als die Jungen ab. Im Vergleich zu 2012 holten die Jungen allerdings auf. Man vermutet, dass die erstmalige Durchführung der Studie am PC ein Motivationsfaktor für die Jungen gewesen sein könnte. (Reiss et al. 2016, S. 268)

Was uns die Ergebnisse sagen können

Auch wenn die Ergebnisse der PISA-Studie auf den ersten Blick vielversprechend aussehen, wird bei genauer Betrachtung deutlich, dass vor allem die Gruppe der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler das Aufsteigen im Ranking von PISA verursacht haben. Alarmierend ist, dass der Anteil der leseschwachen Schülerinnen und Schüler sich nicht verringert hat.

„Eine Verringerung des Anteils dieser besonders leseschwachen Jugendlichen in allen Schularten ist demnach noch immer eines der wichtigsten Ziele der Schulbildung und außerschulischen Förderung in Deutschland.“ (Reiss et al. 2016, S. 273)

Eine solide Lesekompetenz ist Voraussetzung für die Teilhabe an der Gesellschaft. Um allen Schülerinnen und Schüler diese Teilhabe zu ermöglichen, sollte der Erwerb der Lesekompetenz einen zentralen Stellenwert in allen Fächern in der Schule einnehmen.

 

Weiterführende Links:

Knappe Zusammenfassung: Kohlmeier, Matthias, Was Sie über die PISA-Studie wissen müssen, Süddeutsche Zeitung online.

Ausführliche Darstellung: Reiss, Kristina et al., PISA 2015 – Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation, Münster 2016.

Kritische Anmerkungen: „Dieses Ranglistenlistensystem halte ich für absurd“ – Ein Interview mit Hans-Dieter Meyer, Süddeutsche Zeitung online.

 

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