Rezension: Lernen mit ADS-Kindern

Lernen_mit_ADS_KindernVerträumte Kinder? Impulsive Kinder?

„Er hat wieder mal nur die Hälfte mitbekommen!“ ist eine gängige Aussage von Eltern eines Kindes mit ADS. Lehrkräfte erleben die Kinder im Unterricht mit ihren (oft anstrengenden) Besonderheiten. „ADS“ im Buch von Born/Oehler bezieht sich auf beide Schwierigkeitsfelder, also auf die eher „verträumten“ Kinder (ADS) und die eher „impulsiven“ Kinder (ADHS). Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen können im Unterricht schlechter aufpassen und haben dadurch oft Schwierigkeiten beim Lernen. Doch wie kann man diese Probleme angehen? Konkrete Hilfestellungen gibt es in der einschlägigen Literatur wenige. Genau hier setzen die beiden Autoren Armin Born und Claudia Oehler in ihrem Buch „Lernen mit ADS-Kindern“ an. Sie richten sich an Lehrkräfte, Therapeuten und Eltern und bieten Hilfen für einen frühzeitigen Ausstieg aus dem Teufelskreis Aufmerksamkeits- und Lernprobleme an.

Zwischenbemerkung

Das Schlagwort AD(H)S ist derzeit allgegenwärtig und wird durchaus kritisch diskutiert – vor allem da die Diagnosezahlen in den letzten Jahren dramatisch gestiegen sind, ebenso wie die Verschreibung von Psychostimulanzien mit dem Wirkstoff Metylphenidat. Als gesichert kann gelten, dass zahlreiche Kinder große Schwierigkeiten haben, dem Unterricht konzentriert zu folgen, sich Lernstoff zielsicher anzueignen, sich nicht zu stark ablenken zu lassen oder besonders impulsiv zu handeln. Im schulischen Kontext ist die angemessene Begleitung dieser Kinder einerseits für Lehrkräfte und Eltern eine Herausforderung, andererseits leiden die Kinder selbst meist stark unter Frustrationen und Misserfolgen – seien sie schulischer oder sozialer Natur. Ein Buch, das verspricht, Anleitungen zum Lernen mit diesen Kindern anzubieten, ist daher sicher hochwillkommen. In der Rezension nehmen wir allerdings Abstand vom Titel „ADS-Kinder“, da dieser Begriff Kinder doch allzu sehr auf ein Defizit reduziert, also eine Schwäche, die sicher nur einen Teil ihrer Persönlichkeit ausmacht.

Das Buch gliedert sich in drei Teile:

  • In Teil 1 geht es um grundlegende Erkenntnisse des Lernens, um das Kurzzeitgedächtnis, den Weg über das Arbeitsgedächtnis in den Langzeitspeicher sowie neue Erkenntnisse der Lernforschung im Hinblick auf Kinder mit ADS.
  • Teil 2 beinhaltet allgemeine günstige Lerntipps für Kinder mit ADS, methodische Grundlagen sowie Hinweise zur Lernsituation im Rahmen eines reformpädagogisch-orientierten Unterrichts.
  • Teil 3 geht auf die Grundlagenfächer Rechnen, Rechtschreiben, Lesen sowie Aufsatzschreiben, die Lernfächer und Englisch ein.

Die Autoren verstehen ihr Buch als eine Art Nachschlagewerk, in dem der Leser zu einem bestimmten Problem konkrete Hilfestellungen erhalten soll.

Nun im einzelnen zu den angesprochenen Teilen:

Teil 1 beschäftigt sich mit den typischen Lern- und Leistungsproblemen bei Kindern mit ADS …

… bei den Hausaufgaben und im Unterricht. Die Frage, ob die derzeit gängigen Unterrichtsmethoden und vielfältigen Veranschaulichungsmittel hilfreich oder erschwerend für diese Kinder sind, wird kritisch durchleuchtet. Die aktuelle Forschungslage wird thematisiert. Wie eine Schullaufbahn bei ADS aussehen kann, welche Schwächen, Lernschwierigkeiten und neuropsychologischen Besonderheiten bei Kindern mit ADS vorliegen können, sind weitere Themen.

Das wichtigste Kapitel jedoch beschäftigt sich mit der Informationsaufnahme, dem Behalten und den damit verbundenen Prozessen über das Arbeitsgedächtnis und den Langzeitspeicher. Hier wird anschaulich in Abbildungen erklärt, wie diese Prozesse ablaufen und was eine langfristige Abspeicherung fördert. Lernen über Interesse, Gefühl und Motivation nennen die Autoren „leichtes Lernen“. Schulische Inhalte, die nur durch häufiges Wiederholen behalten werden können, bezeichnen sie dagegen als „beschwerliches“ Lernen. Auf die Besonderheit, dass Kinder mit ADS häufig eine geringe Kapazität im Kurzzeitgedächtnis mitbringen und sich deswegen schnell überfrachtet fühlen, wird eingegangen. „Lernen mit allen Sinnen“, „Lernen aus der Sicht der Gehirnforschung“, Lernprobleme und deren Behebung durch das „Einprägemodell“ sowie der „Teufelskreis Lernstörungen“ sind die weiteren Themen.

In Teil 2 werden allgemeine Tipps zum Lernen mit ADS-Kindern besprochen.

  • Übungen regelmäßig wiederholen
  • Lernen in kleinen Portionen
  • Strukturierung des Lernstoffs von außen
  • wenige, passende Methoden und Reduktion auf das Wesentliche
  • visuelle Einprägung häufig günstiger
  • Lernwege ohne Schreiben anbieten
  • Unterstützung bei den Hausaufgaben
  • gezielte Pausen
  • Zeit- und Lernmanagement

Teil 3 beschäftigt sich abschließend mit konkreten Lernhilfen und Lernstrategien für die Schulfächer.

Auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse im Bereich der Lern- und Teilleistungsstörungen werden vor allem Automatisierungskonzepte dargestellt, mit denen das langfristige „Behalten“ erreicht werden soll. Für die Bereiche Rechnen, Rechtschreiben, Lesen, Aufsätze schreiben sowie die Lernfächer und Englisch gibt es  je ein Kapitel mit Hilfestellungen. Hier steht das Automatisieren über visuelle Angebote – Lernkärtchen, Mindmaps – im Vordergrund.

Teil 3 ist ein gut zusammengestelltes Angebot – und zwar insbesondere für Lehrkräfte und Therapeuten. Für die meisten Eltern erscheinen uns die zahlreichen Fachtermini, die Fachtheorien und die davon abgeleiteten Automatisierungsübungen eher überfordernd, auch wenn sich sicher manches in den Familienalltag übernehmen ließe.

„Lernen mit ADS-Kindern“ von Armin Born und Claudia Oehler ist beim Verlag  Kohlhammer 2012 in der 9. Auflage erschienen.

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Eine Antwort zu “Rezension: Lernen mit ADS-Kindern”

  1. Birgit Reinartz 22. März 2015 um 22:20 #

    Hallo,
    ich habe das Buch seit geraumer Zeit und bin davon durchaus begeistert. Als Therapeutin versuche ich die Inhalte, soweit Bedarf und Interesse besteht, elterngerecht rüberzubringen und für viele meiner Kinder habe ich daraus großen Nutzen ziehen können. Meines Erachtens war es eine lohnenswerte Anschaffung.

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